Exkursionsbericht Christiansfeld

Ein schöner Tag

von Dr. Klaus Alberts, Kiel

Der Titel der wunderbaren Erzählung von Herman Bang könnte wieder das Motto des Tages gewesen sein, den zwölf Mitglieder des Fördervereins des Landesarchivs am 25. August 2012 in Christiansfeld bei Hadersleben verbrachten. Die Anregung zu dieser Exkursion war von unserem Vereinsmitglied Professor Lafrenz gekommen, der sich intensiv mit dem Ort beschäftigt hatte. Unser Vereinsvorsitzender hatte die Anregung dankbar aufgegriffen, hatte er sich doch schon in der Vergangenheit ausgiebig mit dieser Herrnhuter Gründung befasst, nicht zuletzt auch im Rahmen seiner Studien über den Staatsminister Struensee, der unter der Herrschaft Christians VII. die Konzession für die Ansiedlung im Herzogtum Schleswig bewirkt hatte. Um 10.30 Uhr trifft die Gesellschaft im Ort ein und wird vom sympathischen und kompetenten Finn Johannsen begrüßt, der in den nächsten Stunden die Rolle des Gastgebers und Cicerone übernehmen wird. In seinem nicht ganz perfekten, aber umso reizenderen Deutsch mit dem entzückenden dänischen Akzent und seinem ansteckenden Lächeln nimmt er uns bald gefangen. Ausführlich informiert er uns über Gründungs- und Baugeschichte: Die kleine Stadt ist ab 1772 in etwa vierzig Jahren erbaut worden, sodass das Barock, das Rokoko, das Empire und der Klassizismus ihre Spuren hinterlassen haben. Christian VII. hatte auf einer Hollandreise den Herrnhuter Ort Zeist kennengelernt und war vom religiösen Leben und dem Gewerkefleiß der dortigen Brüdergemeine beeindruckt gewesen. Gegenüber seinem Verwandten, dem Grafen Zinzendorf aus Niederschlesien, dem Gründer der Herrnhuter Gemeinde, regte er an, man möge sich doch auch in seiner Monarchie ansiedeln. Nach Bewältigung vieler Schwierigkeiten gelang dann die Stadtgründung im heutigen Christiansfeld. Seither blüht dort die Gemeinde, hat heute etwa 150 Mitglieder im Ort, 400 bis 500 in ganz Dänemark, die alle ihrer geistigen und geistlichen Heimat weiterhin eng verbunden sind.

Nach dem Vortrag von Finn haben die Teilnehmer ein lebendiges Bild dieser ganz besonderen Spielart des Luthertums vor Augen, einer menschlich sehr sympathischen Spielart.

Der Besichtigungsteil führt uns zunächst in den großen Kirchenraum, dessen erhabene Schlichtheit ganz besonders erahnen lässt, wie sehr das Wort im Mittelpunkt der Arbeit der Brüdergemeine steht. Sein strahlendes Weiß und die Weite des trägerlosen Raumes geben ein Gefühl für die Heiterkeit und das Hoffnungsfrohe, das das Christentum dieser Ausprägung zu vermitteln vermag.

Der Gang durch die kleine Stadt bei sanftem Landregen endet, wie könnte es anders sein, auf dem Gottesacker, wo Männer und Frauen getrennt voneinander auf den Jüngsten Tag warten. Auch ruhen hier deutsche und dänische Soldaten aus den Schleswigschen Kriegen, im Tode jetzt vereint.

Unter Posaunenklang in Moll bewegt sich der Trauerzug zum Friedhof, am Grab wird nur der Lebenslauf der Verstorbenen, von ihnen selbst verfasst, verlesen, bevor der Sarg, der weiße Sarg, der Erde übergeben wird. Beim Rückzug in den Ort spielt die Kapelle Weisen in Dur; das Leben geht weiter, und es ist ja nur der Leib, der nun vergeht.

Die Nachmittagsstunden sind dem Besuch des kleinen Heimatmuseums gewidmet, zu dem auch eine Sammlung von Bildern des Christiansfelder Malers Jeppe Madsen Ohlsen (1891-1948) gehört. Unser Vorsitzender gibt einen Überblick über Leben und Werk: Geboren wird er als Sohn eines Missionars, bricht eine Lehre als Barbier und Frisör vorzeitig ab, zieht zum Gelderwerb ruhelos durch viele Länder. Schon von früh an zeichnet und malt er. Auf seinen Reisen vervollkommnet er seine Fähigkeiten, rastlos. Seine künstlerische Entwicklungsgeschichte ist schwer nachzuvollziehen, da er seine Werke selten datiert. Er hat wohl mit kühlen Blumenbildern und Stillleben begonnen, Bildern, die keine Wärme oder gar Sinnlichkeit ausstrahlen, er war ein distanzierter, einzelgängerischer Mensch. 1920 darf er sich einmal an einer Gemeinschaftsausstellung in Kopenhagen beteiligen, danach nicht wieder. Weitere Ausstellungen beschränken sich auf den engeren Bereich seiner Heimat Nordschleswig. 1931 endet sein Wanderleben, nachdem er vorher schon geheiratet hatte. Aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor. Die Familie lebt bis 1938 im Alten Spritzenhaus, von wo aus er seine Bilder aus Christiansfeld zu schaffen beginnt. Sein latenter Alkoholismus bricht voll durch, als seine jüngste Tochter mit einem Jahr stirbt. Ein erschütterndes Bild gibt davon Kenntnis. Von da an verdüstern sich Werk und Leben. Der Bruch. Er gerät an den Rand, doch die Gemeinde lässt ihn nicht fallen, er fegt die Straßen, reinigt die Latrinen, liegt in der Gosse, aber er malt. Leinwand und Farbe schenkt ihm der örtliche Arzt, der Bürgermeister kauft seine Bilder. Das Geld vertrinkt er. 1938 Umzug nach Kolding, 1941 ins Armenhaus, 1942 ins Arbeitshaus, die Ehe zerbricht, er verliert seine Kinder. 1948 das Ende. Seine Bilder aus Christiansfeld zeigen nicht eine Chronik der Stadt, es sind keine Heimatstücke, er abstrahiert und verfremdet. Zwar ist er Mitglied der Brüdergemeine, aber dennoch ist es der Blick von außen. Seine Figuren leben nebeneinander her, sie haben keine Gesichter, sind stumm. Sie sind auf dem Wege, wohin, weiß man nicht. Düstere Welt. Der Tod, der Knochenmann, dominiert viele seiner Werke. Ausdruck dieses alles seines sich verdunkelnden Gemüts. Sein Werk, über 300 Gemälde, ist nicht verloren. Wir finden es in dänischen Museen und Privatbesitz; nach seinem Tode sind mindestens zwei bedeutende Sammlungen entstanden.

Aber wir wären nicht in Dänemark, wenn nicht auch Speis' und Trank zu ihrem Recht kämen: Im Hotel der Brüdergemeine, wo übrigens der Waffenstillstand im 2. Schleswigschen Krieg geschlossen wurde, erwartet uns eine köstliche Frokost und nach dem Museumsbesuch der vorzügliche dänische Kaffee und die weltberühmten Honigkuchen, die schon seit 1772 in Christiansfeld gebacken werden, wahre Kalorienbomben, wie wir heute sagen, köstlich.

Froh über diesen schönen Tag fahren wir im Abendlicht zurück nach Schleswig.

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